Laura (14)

Laura

Schlafen kann ich, wenn ich tot bin

Irgendwie wirkt sie übernächtigt, hat gestern zu lange mit ihren zwei besten Freundinnen Julia und Pia gefeiert. Natürlich wohnt sie noch bei ihren Eltern. Mehr als ein Wohnklo in der Fünfer-WG kann sie sich in ihrem Alter nicht leisten, für Internat wird sie von ihren Eltern zu sehr behütet. Der Typ, der irgendwann Au-pair macht. Sie würde ich nach Irland stecken. Wenn sie mutig ist, Kanada.

Letztes Jahr hatte sie einen Freund, der mindestens fünf Jahre älter als sie war. Es hat sechs Wochen gehalten, dann fand sie heraus, dass sie noch nicht so weit ist. Seitdem trägt sie die Haare auch so streng und lässt sie wieder wachsen. Sie muss sich erst klar über sich werden, ihren Weg finden.

Sex? Klar, hatte sie schon mal. Mit Uli letztes Jahr und auch vorher schon, mit ihrem ersten Freund. Es ist aber nicht die Welt.

Ihr erstes Mal war okay, vielleicht weil sie keine zu große Angst davor hatte. Mit Uli hatte sie ein erfülltes Sexualleben, aber wozu das alles. Sie fühlt sich nicht wirklich reif, träumt noch zuviel. Zurzeit ist sie ganz glücklich als Single. Sie hätte gar nicht die Zeit für eine Beziehung. Wenn sie sich wieder auf eine einlässt, muss es der Traummann sein, nicht so einer wie die Buben, mit denen sie normalerweise zu tun hat. Sie hat noch so viel Zeit. Jetzt will sie erst mal ihr Abitur machen, dann vielleicht ein Jahr ins Ausland, studieren und dann irgendwann Kinder, ist ja klar.

Ihr Liebstes ist Schwimmen. Sport überhaupt. Am liebsten allein. An Mannschaftssport ist Volleyball am coolsten. Beim Schwimmen im öffentlichen Bad starren ihr die Jungs immer so auf die Brüste.

Das Beste war, als sie mit Uli in einer einsamen Bucht in Griechenland bei Mondschein schwimmen war. Da haben sie sich hinterher am Strand geliebt, in den struppigen Gräsern, auch wenn sie nicht richtig konnte. Es war ihr erster Urlaub ohne Eltern, da war irgendwie klar, dass es passieren musste. Obwohl sie wussten, dass FKK in Griechenland verboten ist.

Uli fand, sie wäre ein Sommermädchen, da fühlte sie sich verstanden, auch wenn sie nicht sicher weiß, ob sie immer eines ist. Sie findet, sie hat Handballer-Oberarme. Schwimmer haben die beste Figur.

Wenn sie abschalten will, liest sie gerne, zurzeit Hesse, das Glasperlenspiel. Harry Potter hat ihr nicht gefallen, das ist was für ihren kleinen Bruder. Ihr früheres Lieblingsbuch, Der kleine Prinz, wird gerade von Die Mitte der Welt abgelöst.

Drogen würde sie nie nehmen. Rauchen hat sie einmal probiert, es gibt ihr nichts. In Gummibärchen könnte sie sich reinsetzen, liebt Chicken Wings über alles, sonst lebt sie vegetarisch.

Familie ist ihr wichtig. Ihre eigene, sogar ihren kleinen Bruder mag sie ja in Wirklichkeit. Und selber will sie ja auch mal eine gründen. Mit ihrer Mutter kann sie über alles reden, ihr Vater vergöttert sie immer noch. Manchmal fühlt sie sich eingesperrt von so viel Liebe in dem warmen Nest. Sie schafft sich Freiräume, mit dem Sport, ihren Büchern. Offiziell schreibt sie Tagebuch, kommt aber in letzter Zeit nicht mehr so dazu.

Sie ist hübsch genug, um keine Probleme mit Jungs zu haben, und wiederum nicht so schön, dass die Jungs Angst vor ihr bekämen. Mit Discos hat sie’s nicht so. Außer gestern Abend, da war Julia gerade über einen Liebeskummer hinweggekommen, das musste gefeiert werden. Pias Freund hat schon den Führerschein und fühlte sich etwas fremd an dem Weiberabend. Selbst hat sie nur Cola und einen Cocktail getrunken, es war eben einfach nur spät. Aber in der Schule kommt sie gut genug mit.

In dem Kaff, wo sie aufgewachsen ist, wird sie nicht lange bleiben, so viel steht fest. Ihr Vater hat es gut gemeint, sie und ihr Bruder waren Wunschkinder, und er hat alles gegeben, um seiner Familie das Haus hier draußen zu ermöglichen. Aber das ist nichts fürs Leben, nicht für das Leben, das sie sich vorstellt. Der letzte Bus fährt um 21 Uhr hier raus, und das nächste Kino steht in der Kreisstadt, die noch nicht mal eine richtige Stadt ist. Ein Pferd könnte man halten, aber das Hausund ein Pferd, das macht Vater nicht mit, bei aller Liebe. Spätestens mit achtzehn ist sie raus, nach dem Abitur.

Studieren will sie Tiermedizin oder Informatik. Was da vor ein paar Jahren mit den Neuen Medien abging, das war schon faszinierend, und in Mathe war sie immer gut. In Englisch auch, aber das braucht man heute überall.

Später, viel später wird sie sich nach dem Häuschen auf dem Land zurücksehnen, in dem sie aufgewachsen ist, weil auch sie ihren Kindern eine unbeschwerte Landjugend gönnen will, aber das geht nicht mit dem Job. Ihr Geschiedener hat das Auto bekommen, und Frauen sind bei gleicher Leistung immer noch unterbezahlt.

Man kommt zurecht. Ihre zwei Kinder gedeihen, sie machen ihr viel Freude. Die Große macht sich in der Schule, für den Kleinen hat sie im Herbst einen Kindergartenplatz.

Ihre Mutter ruft sie immer noch gerne ein-zwei Mal im Monat an. Wenn sie sich sehen, bekommt sie immer eine Kleinigkeit zugesteckt. Mutter soll das nicht, aber es ist ja auch für die Kids.

Ihr Vater ist mittlerweile pensioniert und hat an nichts mehr Interesse. Ein Glück, dass ihr Alter auf und davon ist, der in letzter Zeit sowieso zuviel gesoffen hat, so kann er sich wenigstens nicht an ihrer Tochter vergreifen, so wie es ihr früher passiert ist. Lieber ist sie alleinerziehend als Zahnarztgattin in irgendeinem Schlafvorort mit Rüschengardinen und Puppenstubenmöbeln.

Schlafen kann ich, wenn ich tot bin, sagt sie sich. Sie ist ja noch jung.

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